The Liberalist: Herr von Storch, wie schlimm ist es um unser Weltklima bestellt, ist es wirklich schon fünf nach zwölf?

Hans von Storch: Das sind zwei verschiedene Fragen. Die erste Frage ist, wie schlimm steht es um unser Weltklima, und die zweite, ist es fünf nach zwölf?

Dass die Menschen aufgrund der Freisetzung von klimaaktiven Gasen das Klima verändern, ist unstrittig. Das hat sich im Laufe der Zeit immer deutlicher herauskristallisiert und die ersten Erwartungen neuerer Zeit Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, haben sich durch die weitere Entwicklung bestätigt.
Ob man das eine Klimakatastrophe nennen will, ist eine andere Frage. Unstrittig ist zunächst, dass wir es mit einer Erwärmung zu tun haben, die wir nur dadurch erklären können, dass die menschgemachten Emissionen zu einer erhöhten Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre führen und somit zu einer Erwärmung. Das heißt noch nicht, dass dies eine Katastrophe darstellt. An diesem Punkt scheiden sich die Geister schon ein bisschen mehr. Da kommen dann auch so Worte vor wie Kipppunkte und ähnliches, jedoch ist die Realität dieser Ansprüche strittig. Wenn wir an Behauptungen denken, wie jene, dass die Extremereignisse generell vom Klimawandel verschärft werden würden, ist das nicht richtig. Wir sehen zum Beispiel keine entsprechenden Veränderungen in unseren heimischen Stürmen. Wie weit das in tropischen Zyklonen der Fall ist sei mal dahingestellt. Wir sehen eine Neigung zu stärkeren Niederschlägen und ausgeprägten Dürren, aber hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, obwohl in der Öffentlichkeit inzwischen solche Aussagen zum Standardnarrativ gehören. Bei Aktivisten sind auch Kipppunkte Teil des Standardnarrativs.

Zunächst die Frage mit dem menschgemachten Klimawandel: ja er ist real, und er hat einen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir leben, wie sich unsere Umwelt entwickelt. Und je langsamer dieser Klimawandel von statten geht, desto besser kann man damit umgehen. Er geht jedoch ziemlich schnell von statten.

Ob es fünf nach zwölf, oder fünf vor zwölf ist, ist keine Frage der Klimadynamik, sondern eine an die gesellschaftliche Reaktionsfähigkeit und Bereitschaft für Wandel. Das ist eine politische Frage. Und wenn wir sagen, ja wir wollen unbedingt den Klimawandel bei einem Wert von 1,5 °C stoppen, was ich für praktisch unmöglich halte, dann ist es in der Tat fünf nach zwölf. Wenn wir aber sagen, wir wollen ihn stoppen bei 2°C, dann ist es vielleicht drei Minuten vor zwölf, aber es wird schwierig. Und wenn wir sagen, na gut, mit 2,5 °C können wir auch leben, dann ist die Uhrzeit ein bisschen früher.

The Liberalist:  Durch die Corona Krise wurde die Mobilität eingeschränkt. Weniger Luftfahrtverkehr, usw. Hat sich dadurch die Lage verbessert?

Hans von Storch: Nein, dem Einhalt des Klimawandels hat dies nicht nennenswert gedient.  Es ist tatsächlich für den Moment viel weniger emittiert worden, aber für den Klimawandel zählt die Summe über die Zeit. Stellen Sie sich vor, die globalen Emissionen würden dieses Jahr um 10% runtergehen, dann würde das dem Wegfall der Emissionen für zwei Monate entsprechen. Wenn es gelänge, diese Emissionsminderung auf Dauer beizubehalten, dann wäre das auch ein schöner Erfolg, würde aber wenig bringen, weil zum Erreichen das Pariser Ziels die globalen Emissionen bis 2050 auf null zu bringen sind und nicht auf 10% weniger. Das heißt, dann müsste sich die Pandemiebedingten Maßnahmen in allen zukünftigen Jahren wiederholen – und zwar weltweit! – und das ist überhaupt nicht abzusehen.

The Liberalist: Und was müsste man Ihrer Meinung tun, um das Pariser Klimaziel zu erreichen?

Hans von Storch: Aus dem Bereich der Naturwissenschaften gibt es erstmal die Vorgabe, dass die Netto Emissionen bis 2050 auf null fallen müssen, um das Pariser Ziel zu erreichen. Netto heißt hier: alle Emissionen, die nicht irgendwie ausgeglichen werden, durch Herausnahme von CO2, durch Speicherung in Wäldern oder technische Möglichkeiten. Danach müssen wir eine längere Phase mit deutlich negativen Emissionen haben, es muss aktiv CO2 aus der Luft genommen werden. Dazu recht unser derzeitiges Knowhow nicht aus. Das ist zunächst mal die naturwissenschaftliche Randbedingung.

Wenn Sie mich jetzt als Bürger fragen, wie ich mir es vorstellen könnte, dies Ziel zu erreichen, dann ist zunächst klar, dass eine höchst erfolgreiche Klimaschutzpolitik in Europa oder Deutschland unzureichend ist. Wenn ich es großzügig abschätze, emittierte Europa 2019 direkt und indirekt von den globalen 40 Gigatonnen höchstens 8. Wären wir also höchst erfolgreich, dann würden nicht mehr 40 Gigatonnen freigesetzt, aber immer noch 32 Gigatonnen. Wir müssen also die Frage stellen, wie wir es hinkriegen, dass diese 32 und mehr ebenfalls nicht mehr emittiert werden.

Man kann dann natürlich sagen, dass dadurch, dass wir das vormachen und ein besseres Leben führen, der Rest der Welt dem folgen wird. Wenn wir vorreiten, reiten die alle hinterher. Dass dies Wunschdenken Realität beschreibt, dafür gibt es keine Hinweise. Abgesehen von wenigen Ausnahmen bedienen nur europäischen Länder – bei großzügiger Auslegung – die Erfordernisse von Paris. Also müssen wir andere Wege finden, die den Rest der Welt, in dem sehr viel emittiert wird und der Umweltschutz möglicherweise nicht so eine große Rolle spielt, dazu zu bewegen, ähnliche Wege zu nutzen.

Ich glaube, dass der einzige plausible Weg wäre, die Menschen in Indien oder China davon zu überzeugen, dass ihr Wunsch, so reich zu sein, wie wir es sind, auch ohne Emission erreicht werden können. Wenn „wir“ ihnen nun die Möglichkeit des Reichtums in Aussicht stellen und dazu geeignete klimaneutrale Technologie, dann werden sie aus wirtschaftlichen Gründen folgen. Nicht aus Gründen des Klimaschutzes, sondern aus ökonomischen Gründen. Also müssen wir die Möglichkeit nutzten, die wir in Deutschland und Europa haben, und das ist technischer Verstand. Wir müssen Technologien  entwickeln, die wirtschaftlich interessant und klimaneutral sind. Die wirtschaftliche Attraktivität führt zu der Übernahme der Technologie.

The Liberalist: Wie stehen Sie zu der Bewegung Fridays for Future? Auch in Anbetracht der Tatsache, dass Fridays for Future ein Spendenkonto bei Plant for the Planet unterhält?

Hans von Storch: Nun, die meisten NGOs sind miteinander verbunden. Zu den Inhalten von „Fridays for Future“ kann ich sagen, dass dort ein diffuses Angstgefühl gefördert wird, und zwar aller Art von Umweltängsten. Zum Beispiel Plastik im Meer wird hier zusammen mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht. Die Forderungen, die gestellt werden, sind in der Regel unrealistisch und nicht abgeklopft auf die Frage der Wirksamkeit. Insgesamt wird in der deutschen Öffentlichkeit die Frage nach der Wirksamkeit der Maßnahmen nicht besprochen, sondern nur gesagt, dass CO2-Emissionen eingespart werden müssen. Ob das wirklich viel ist, wird meist außer Acht gelassen.

Andererseits rechne ich „Fridays for Future“ positiv an, dass sie die Fragen im öffentlichen Diskurs wegbewegt haben von „Ist der Klimawandel wirklich real?“ zur Frage des Umgangs mit dem Klimawandel. Wir Klimawissenschaftler sind hier nur bedingt qualifiziert, da wir nur sagen können, wenn wir eine bestimmte Menge an CO2 weniger freisetzen, dann hat das eine bestimmte Wirkung auf das Klima. Wie diese Maßnahmen auf die Gesellschaft wirken, welche anderweitigen Folgen sie haben hat, damit können wir nicht dienen, da wir dahingehend oft Fachidioten sind.

„Fridays for Future“ hat also insofern eine positive Rolle gespielt, als dass es dafür gesorgt hat, dass die öffentliche Diskussion mehr auf die Frage abhebt, was wir denn nun damit machen.

The Liberalist: Wie stehen Sie zu dem Kohleausstieg, mit dem Ziel bis 2038 aus der Kohle auszusteigen? Vielleicht nicht nur als Klimawissenschaftler, sondern auch als Bürger?

Hans von Storch: Wir müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, welche Ersatzmöglichkeiten für Kohle wir haben. Das ist sehr vernünftig und wenn dort Wege gefunden werden, dann begrüße ich das sehr. Wie viele Kohlekraftwerke gibt es in der Welt gibt, und in welchem Zustand befinden sie sich? Ich denke, dass es Kohlekraftwerke gibt, die wesentlich weniger effizient sind, die im Verhältnis zur Produktion wesentlich mehr CO2 freisetzen als moderne Kohlekraftwerke. Man sollte zuerst darangehen, diese stillzulegen, anstatt sich über moderne Kraftwerke hier in Deutschland aufzuregen.

The Liberalist: Sehen Sie den Elektromotor als zukunftsfähigen Ersatz des Verbrennungsmotors?

Hans von Storch: Da werde ich immer unsicherer, da ich immer weniger davon verstehe. Wenn wir überall Elektroautos hätten, die nicht emittieren, dann wäre das sicher eine positive Geschichte. Allerdings muss man genügend Strom haben, und da muss man sich fragen, woher der kommen soll. Wenn ich das dahingehend richtig verstanden habe, dann können Windkraft und der Solarenergie den erhöhten Strombedarf nicht decken. Kernkraft im eigenen Lande will man nicht, aber gegen Importe scheinen die Widerstände geringer – die sieht man ja auch nicht.

Dann gibt es noch E-Fuels, bei der die Umstellungskosten geringer wären als beim Einsatz von E-Motoren. Aber leider ist der Wirkungsgrad viel geringer. Dennoch schätze ich, als Laie in diesem Bereich, E-Fuels als zukunftsfähige Technologie ein.

The Liberalist: Wagen Sie mal einen Ausblick in das Jahr 2080. Wie erfolgreich wird unsere Klimaschutzpolitik bis dahin sein?

Hans von Storch: Ich nehme an, dass es gelingt, die globalen CO2 Emissionen herunterzufahren, im Laufe der nächsten Jahrzehnte. Aber nicht so stark, wie Paris sich das denkt. Das heißt wir werden so ungefähr einen Anstieg von 2,5 bis 3 °C haben. Aber das wäre ist eine grobe Peilung.

The Liberalist: Dann danke ich Ihnen für das Gespräch.

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